Wer zum ersten Mal im ICE sitzt und sich anschnallen möchte, sucht vergeblich. Aber warum gibt es im Zug eigentlich keine Sicherheitsgurte? Die Antwort überrascht viele: Es ist keine Nachlässigkeit – sondern eine bewusste und wissenschaftlich begründete Entscheidung. Gurte könnten im Zug sogar gefährlicher sein.
Die Physik dahinter: Bremsweg und Verzögerung
Der entscheidende Unterschied liegt in der Physik. Wenn ein Auto aus 130 km/h eine Notbremsung macht, wirken auf die Insassen starke Verzögerungskräfte – daher der Gurt. Ein ICE oder IC bremst bei gleicher Geschwindigkeit deutlich sanfter:
| Fahrzeug | Bremsweg aus 160 km/h | Verzögerung |
|---|---|---|
| PKW (Notbremsung) | ca. 250 Meter | 8–10 m/s² |
| ICE / Fernzug | ca. 700–1.000 Meter | 0,8–1,5 m/s² |
Diese viel geringere Verzögerung bedeutet: Fahrgäste werden bei einer Bremsung nicht ruckartig nach vorne geschleudert. Die meisten können sich instinktiv abstützen oder halten sich an der Rückenlehne fest. Ein Anschnallen ist physikalisch gesehen nicht notwendig.
Die RSSB-Studie: Gurte können schaden
Das britische Rail Safety and Standards Board (RSSB) hat in einer umfangreichen Untersuchung – mit Dummys und Computersimulationen – systematisch geprüft, was Sicherheitsgurte in Zügen bewirken würden. Das überraschende Ergebnis:
Bei bestimmten Unfalltypen – besonders bei Entgleisungen und seitlichen Kollisionen – schützen Gurte die Fahrgäste nicht besser, sondern können das Verletzungsrisiko sogar erhöhen. Der Grund: In solchen Szenarien können sich nicht angeschnallte Passagiere instinktiv von der Gefahrenzone wegbewegen oder schützende Positionen einnehmen. Angeschnallte Fahrgäste sind an ihrem Platz fixiert – genau dort, wo der Aufprall trifft.
Wie schützt der Zug seine Fahrgäste?
Statt Gurten setzen moderne Züge auf passive Sicherheitssysteme, die bei einem Unfall Energie absorbieren:
- Crash-Management-Zonen: Die Enden des Zuges sind gezielt so konstruiert, dass sie bei einem Aufprall kontrolliert verformen und Energie aufnehmen – ähnlich der Knautschzone im Auto.
- Sicherheitssitze: Rückenlehnen und Tische in Zügen müssen bestimmte Sicherheitsstandards erfüllen und bei einem Aufprall definiert nachgeben.
- Innenraum-Design: Keine spitzen Ecken, gepolsterte Flächen, sichere Gepäckablagen.
- ETCS (European Train Control System): Automatisches Bremssystem, das Kollisionen verhindert, bevor sie entstehen.
Ist Bahnfahren ohne Gurt wirklich sicher?
Die Statistiken sprechen eine klare Sprache. Laut der Allianz pro Schiene ist das Risiko, mit dem Zug tödlich zu verunglücken, im Zehnjahresschnitt 2015–2024 rund 52-mal geringer als für Insassen im Auto – pro zurückgelegtem Kilometer. In Deutschland stirbt statistisch weniger als eine Person pro eine Milliarde Zugkilometer.
Warum haben Flugzeuge Gurte, Züge aber nicht?
Im Flugzeug gibt es Gurte – warum nicht im Zug? Der Unterschied liegt in der Unfallphysik. Im Flugzeug kann es zu plötzlichen Turbulenzen oder Druckveränderungen kommen, bei denen Passagiere ohne Gurt unkontrolliert durch die Kabine geschleudert werden. Dieser Unfalltyp existiert im Zug nicht. Züge sind auf Schienen geführt – die Bewegungsrichtung ist immer vorhersehbar.
Warum haben Züge keine Sicherheitsgurte?
Weil die Bremskräfte im Zug deutlich geringer sind als im Auto, und weil Sicherheitsstudien (RSSB, UK) zeigen, dass Gurte bei typischen Zugunfällen wie Entgleisungen das Verletzungsrisiko erhöhen können. Züge setzen stattdessen auf passive Crash-Systeme und strikte Unfallprävention.
Gibt es eine gesetzliche Pflicht, Gurte in Züge einzubauen?
Nein. Weder in Deutschland noch in der EU gibt es eine gesetzliche Vorschrift, die Sicherheitsgurte in Schienenzügen vorschreibt. Die Entscheidung basiert auf Sicherheitsforschung und Unfallanalysen.
Sind Hochgeschwindigkeitszüge wie der ICE gefährlicher als langsamere Züge?
Nein – im Gegenteil. Der ICE fährt auf dedizierten Hochgeschwindigkeitsstrecken mit automatischem Zugsicherungssystem (ETCS), das Kollisionen verhindert. Die Unfallrate des ICE ist in über 35 Jahren Betrieb extrem niedrig.
Hat es je einen tödlichen ICE-Unfall gegeben?
Das schwerste ICE-Unglück in Deutschland ereignete sich 1998 in Eschede, bei dem 101 Menschen starben – verursacht durch einen Materialfehler an einem Rad. Seitdem wurde die Sicherheitstechnik grundlegend überarbeitet. In den letzten 25 Jahren gab es keinen vergleichbaren ICE-Unfall.
Gibt es Länder, in denen Züge Sicherheitsgurte haben?
Es gibt vereinzelte Versuche in Busverbindungen auf Schienen (Schienenbusse) oder in speziellen Hochgeschwindigkeitsprojekten, bei denen Gurte getestet wurden. Für reguläre Personenzüge hat sich keine Bahn weltweit für Pflichtgurte entschieden.
Fazit
Züge haben keine Sicherheitsgurte – nicht aus Sparsamkeit, sondern aus gutem Grund: Die Physik des Bremsens im Schienenverkehr macht Gurte unnötig, und wissenschaftliche Studien zeigen sogar, dass sie in bestimmten Unfallszenarien schaden könnten. Kombiniert mit dem konsequenten Einsatz passiver Sicherheitssysteme und automatischer Unfallprävention macht das den Zug zum sichersten motorisierten Verkehrsmittel Europas.